
Die Norm EN ISO 13855 gehört seit Jahren zum Pflichtprogramm, wenn es um Sicherheitsabstände für Lichtvorhänge, Scanner, Trittmatten, Zweihandbedienungen oder verriegelte Schutzeinrichtungen geht.
Ende 2024 hat ISO die 3. Ausgabe als ISO 13855:2024 veröffentlicht, 2025 folgte die deutsche Fassung DIN EN ISO 13855:2025-10, die die Ausgabe 2010-10 ersetzt.
Wer die neue Norm in die Hand nimmt, stellt fest: Der Umfang ist von rund 50 auf knapp 100 Seiten gewachsen. Inhaltlich bleibt aber erstaunlich viel beim Alten.
1. Kurzer Rückblick: von EN 999 zu EN ISO 13855
Historisch betrachtet löste ISO 13855 bereits Anfang der 2000er-Jahre die ältere Norm EN 999 zur Positionierung nicht-trennender Schutzeinrichtungen ab; als EN ISO 13855:2010 wurde sie dann in Europa harmonisiert und im Amtsblatt zur Maschinenrichtlinie gelistet.
Die 2010er-Ausgabe definierte im Kern:
- wie sich Sicherheitsabstände aus Annäherungsgeschwindigkeit K und Reaktionszeit T berechnen,
- wie unterschiedliche Annäherungsarten (direkt, indirekt, übersteigen/unterkriechen) zu berücksichtigen sind,
- und wie BWS (Lichtvorhänge, Scanner), druckempfindliche Schutzeinrichtungen, Zweihand und verriegelte Türen zu positionieren sind.
Dieses Grundgerüst bleibt auch in der neuen Ausgabe erhalten.
2. Warum überhaupt eine neue Ausgabe?
Offiziell soll ISO 13855:2024 den Stand der Technik nachziehen: mobile Anwendungen, Scanner-Felder, komplexere Anlagen, höhere Anforderungen an Dokumentation und an die Einbindung in das „Safety-Ökosystem“ (12100, 14119 etc.).
Auffällig ist aber: Viele der „Neuerungen“ betreffen vor allem:
- eine ausführlichere Beschreibung der Vorgehensweise,
- neue oder umsortierte Unterabschnitte,
- zusätzliche Beispiele und Anhänge.
Für klassische stationäre Anwendungen – Lichtvorhang vor Presse, Trittmatte vor Roboterzelle – ändert sich rechnerisch nur wenig. Hier kann man durchaus kritisch fragen, ob es für diese moderate inhaltliche Anpassung wirklich nahezu eine Verdopplung des Seitenumfangs gebraucht hätte.
3. Was bleibt gleich?
Für die Mehrheit der Anwendungsfälle gilt weiterhin:
- Der Sicherheitsabstand S wird aus einer Annäherungsgeschwindigkeit K, der Gesamtreaktionszeit T des Systems und Zuschlägen für Erreichbarkeit und Toleranzen gebildet.
- Typische K-Werte bleiben im Prinzip unverändert (Handbewegung vs. Schrittbewegung); sie werden nur sauberer begründet und den Annäherungsarten zugeordnet.
- Die Unterscheidung zwischen EN ISO 13857 (feste trennende Schutzeinrichtungen) und EN ISO 13855 (BWS, Zweihand, Türen etc.) bleibt bestehen.
Mit anderen Worten: Wer 2010 „vernünftig“ gerechnet hat, wird bei vielen Maschinen mit der 2024er-Ausgabe auf sehr ähnliche Abstände kommen.
4. Was ist tatsächlich neu und relevant?
Trotz aller Kritik gibt es einige Punkte, bei denen die neue Norm einen echten Mehrwert bringt.
4.1 Neuer Titel, klarerer Scope
Der Titel lautet jetzt „Positioning of safeguards with respect to the approach of the human body“ – also nicht mehr nur „Annäherungsgeschwindigkeiten von Körperteilen“.
Im Anwendungsbereich wird explizit genannt, dass die Norm Anforderungen festlegt für:
- Erkennungszonen von berührungslos wirkenden Schutzeinrichtungen und druckempfindlichen Matten/Böden,
- die Position von Zweihand- und Einzelsteuergeräten,
- und die Position verriegelter Schutzeinrichtungen.
Neu hinzu kommt die ausdrückliche Einbeziehung von sicherheitsbezogenen manuellen Steuergeräten (SRMCD) – z. B. Zustimmtaster – auch dann, wenn sie innerhalb des Schutzbereichs betätigt werden sollen.
4.2 Dynamischer Trennungsabstand
Wirklich neu ist die systematische Behandlung des dynamischen Trennungsabstands.
Die Norm beschreibt jetzt explizit, dass bei bewegten Gefährdungen (z. B. fahrerlose Transportsysteme, verfahrende Bühnen, Robotergreifer auf Achsen) nicht nur der Mensch auf die Gefahr zugeht, sondern auch die Gefahr auf den Menschen. Daraus wird ein zusätzlicher Weganteil für die Bewegung der Gefährdung eingeführt, der in den Sicherheitsabstand eingeht.
Für typische Pressen-Retrofits oder stationäre Roboterzellen ist das selten der große Gamechanger. Für AGV-Zonen, Shuttles, Hub-/Senkeinrichtungen und ähnliche Anwendungen ist die klare Trennung zwischen „statischer“ und „dynamischer“ Betrachtung aber hilfreich.
4.3 Annäherungsrichtung sauber getrennt
Die 2024er-Ausgabe trennt deutlich zwischen:
- orthogonaler Annäherung (Person geht „auf die Schutzeinrichtung zu“), und
- paralleler Annäherung (Person bewegt sich entlang eines Schutzfeldes oder läuft an einem Scannerfeld vorbei).
Die Grenzbereiche für die Winkel und die dazugehörigen Formeln sind besser beschrieben und mit zusätzlichen Beispielen ergänzt. Der rechnerische Ansatz ist nicht grundsätzlich neu, aber methodisch deutlich sauberer.
4.4 Einzelsteuergeräte, Zweihand und Fußschalter
Mehr Substanz steckt in den überarbeiteten Abschnitten zu:
- Zweihandbedienungen,
- einfach betätigten Steuergeräten (z. B. einzelne Starttaster),
- und Fußschaltern.
Die neue Ausgabe enthält hierfür eindeutige Mindestabstände in Abhängigkeit der Reaktionszeit – u. a. höhere Abstände für Fußschalter als für Handtaster – und klarere Regeln, wann ein Steuergerät so angeordnet ist, dass es ein Eindringen verhindern kann und wann nicht.
Für Pressen mit Fußpedal oder Einhandsteuerung ist das eine willkommene Präzisierung, weil sich Diskussionen mit Gutachtern und Behörden künftig sauberer führen lassen.
4.5 Verriegelte Schutzeinrichtungen und Umgehung
Die Anforderungen an verriegelte trennende Schutzeinrichtungen (Türen, Klappen) wurden ausgebaut:
- Es wird stärker berücksichtigt, dass Türen teilweise geöffnet werden können, bevor die Sicherheitsfunktion auslöst.
- Flexibel wirkende Betätigungselemente (z. B. Zugseile, Gestänge) und deren Einfluss auf die effektive Öffnungsweite werden expliziter beschrieben.
Zusammen mit der parallel überarbeiteten EN ISO 14119:2025 ergibt sich damit ein konsistenteres Bild zu Umgehungssicherheit und zur Dimensionierung von Türschaltern.
4.6 Neue Anhänge und komplexere Zuschläge
Mehrere neue Anhänge liefern:
- eine Übersicht der verwendeten physikalischen Größen und Symbole,
- zusätzliche Rechenbeispiele,
- und erweiterte Hinweise zu Scannern und komplexeren Schutzfeldern.
In Fachartikeln wird darauf hingewiesen, dass die Zuschläge („allowances“) für Sicherheitsabstände teilweise komplexer geworden sind – z. B. bei der Berücksichtigung von Körperhaltung, Toleranzen und möglicher Umgehung.
5. Und der berühmte Warnvermerk?
Die deutsche DIN-Seite weist explizit auf einen Warnhinweis zur Ausgabe 2025-10 hin; betroffen sind eine Formel und eine Tabellenüberschrift, die in der Erstveröffentlichung fehlerhaft waren.
Für die Praxis heißt das: Wer mit der neuen DIN-Ausgabe arbeitet, sollte den Warnvermerk unbedingt mitlesen und die korrigierten Fassungen verwenden – insbesondere, wenn Schutzfelder parallel zur Annäherungsrichtung angeordnet sind.
6. Praktische Konsequenz: Was mache ich als Betreiber oder Retrofit-Planer?
Für neue Projekte in Deutschland ist DIN EN ISO 13855:2025-10 der aktuelle Stand der Technik. Die alte DIN EN ISO 13855:2010-10 ist zurückgezogen; formal ist sie nur noch relevant, solange sie in der EU-Liste harmonisierter Normen geführt wird.
Für Bestandsmaschinen und Retrofits:
- Wo bisher sauber nach 2010 gerechnet wurde, ergibt sich selten ein dramatischer Änderungsbedarf – aber:
- dynamische Anwendungen,
- Scanner-Schutzräume,
- komplexe Zutrittssituationen
profitieren von der neuen, klareren Struktur.
- Bei Projekten mit Zweihand, Fußpedal oder Einhandsteuerung lohnt sich ein Blick in die neuen Mindestabstände.
- Verriegelte Schutztüren und Zustimmtaster im Schutzraum sollten künftig nach dem Zusammenspiel aus ISO 13855:2024 und EN ISO 14119:2025 bewertet werden.
Mein Fazit
Die neue EN ISO 13855 ist keine Revolution, sondern eine umfangreiche Nachschärfung:
- Für viele „klassische“ Anwendungen bleibt das Zahlenwerk ähnlich,
- für dynamische Gefährdungen, Scanner-Schutzfelder, SRMCD und Fußschalter bringt sie aber mehr Klarheit – und mehr Dokumentationsaufwand.
